Spanisch alleine reicht nicht
Wann isst man zu Mittag? Wer bezahlt die Rechnung? Wie bedankt man sich für den Kaffee? Wie klingt ein «Nein»? Warum finde ich das Wort nicht im Lexikon? Warum fürchten sich alle vor Flipflops? All diese Fragen begleiten uns tagtäglich in Mexiko, dem ersten lateinamerikanischen Land dieser Reise. Wir besuchen das Land nicht zum ersten Mal, doch diesmal ist es anders, diesmal gilt es ernst – diesmal müssen wir uns integrieren.
Für mich,
Janina, ist diese Situation nicht neu, aber dadurch wird es nicht unbedingt
leichter. Ich weiss genau, was es bedeutet, fremd zu sein. Zeitlebens war ich
fremd: Zuerst wurde ich auf Französisch und Englisch ohne Vorkenntnisse der
Sprachen eingeschult, dann folgte die Deutsche Schule in Washington D. C., um
schliesslich im Emmental erneut als Ausländerin gesehen zu werden. Nicht
zuletzt zu erwähnen sei da die katholisch-konservative Innerschweiz. All diese
Erfahrungen sitzen tief und ich weiss genau, wie es sich anfühlt, wenn man sich
trotz vielen Bemühungen falsch verhält. Ich kenne die mit Mitleid gepaarten
strafenden Blicke nur zu gut. Heute bin ich kein kleines Kind mehr, aber die
Reaktionen auf kulturelles Fehlverhalten bleiben gleich, bloss sind sie etwas
maskierter und entsprechend schwieriger zu lesen. Heute komme ich nicht ohne
Vorkenntnisse und der Vorteil von Lateinamerika ist, dass sich alle über ein
paar Brocken Spanisch freuen. So werden wir bei der Taxifahrt vom Busbahnhof in
Querétaro zu unserer Bleibe herzlich mit den Worten begrüsst: «Sie versteht man
aber gut, Sie sprechen die Worte so klar aus – nicht wie die Gringos[1].
Herzlich willkommen in Querétaro»!
In Santiago
de Querétaro angekommen, machen wir uns an das Projekt kultureller Anpassung
sowie sprachlicher Vertiefung. Für Letzteres hatten wir uns bereits vor Monaten
eine Spanischschule mit Privatunterricht ausgesucht, Ersteres hingegen lässt
sich schlecht planen. Die Spanischlehrerin Lilia, eine erfahrene Lehrperson mit
viel Gespür für den Lernprozess und einem Bewusstsein für die kulturellen
Unterschiede, greift uns nicht nur sprachlich unter die Arme, sondern lehrt uns
auch, was es heisst in Lateinamerika zu leben. Doch Mexiko ist nicht Chile und
so lernen wir die mexikanischen Ausdrücke, die nicht im Lexikon stehen, aber
die chilenischen bleiben auf der Strecke. Wir bemühen uns um Kontakte
ausserhalb der Schule: Benj schreibt mit Clubbesitzern, während Janina Besuche
an der Schweizerschule Mexiko am Campus Querétaro organisiert. Benj lernt auf
die harte Tour, wie Mexikaner*innen «Nein» sagen, und wir kriegen es von Lilia
bestätigt. Ein «Nein» wird selten ausgesprochen, meist heisst es: «wir schauen
dann morgen», oder «ich melde mich wieder», oder es erfolgt keine Reaktion. So
erhält er kaum Absagen für seine Auftritte, aber hört meist nichts oder nur
Ausreden. Gemeinsam besuchen wir die Schweizerschule in Querétaro und es wird
schnell klar, was von der Direktorin einer solchen Schule erwartet wird: Sie
spricht fliessend Spanisch, kennt die Umgangsformen (und hat natürlich alles im
Griff).
Wir
beobachten fleissig, kopieren so gut es geht, versuchen nicht aufzufallen und
uns trotzdem treu zu bleiben. Dank der diversen Kontakte lernen wir neue Leute
kennen und merken in den Gesprächen mit Unbekannten, wie wir Fortschritte
machen. Wir können problemlos einen Abend unter Spanischsprechenden verbringen
und verhalten uns relativ natürlich. Seit der Taxifahrt mit freundlicher
Begrüssung mögen wir Querétaro, die zuvorkommende Reinigungsperson, die
aufmerksamen Gastgebenden sowie die hervorragende Lehrperson haben ihrerseits
dazu beigetragen, dass wir am liebsten bleiben würden. Die Umgangsformen sind
so lieblich und süss, dass man sich unmöglich nicht wohlfühlen kann und so
werden wir hier zur freundlichsten Version unserer selbst. Klar neige ich als
Frau weiterhin dazu, die Rechnung selbst begleichen zu wollen, und natürlich
bleibt das mexikanische Mittagessen um 16.00 Uhr unser Abendessen (ja, wir sind
immer etwas früh dran). Wir akzeptieren, dass die Mütter in Mexiko einen hohen
Stellenwert haben, und trotzdem fürchten wir uns nicht vor «Chanclas[2]».
Uns wurde eindrücklich erzählt, wie die «Chancla» der Mutter, in der Schweiz
dem Gürtel des Vaters in den 1950ern entspricht. Als Sohn oder Tochter fürchtet
man sich vor dem Zorn der Mutter und respektiert ihre Werte. Die Angst vor der «Chancla»
scheint ur-mexikanisch zu sein und bleibt uns auf immer fremd.
Die ersten kulturellen Hürden haben wir überwunden und reisen nun ein wenig durch Mexiko, bevor wir nach Costa Rica weiterziehen. Wir sind uns bewusst, Mexiko ist nicht Lateinamerika und schon gar nicht Chile, denn alle erzählen uns hier ungefragt, dass sie die Chilen*innen nicht verstehen würden: Das, was DIE sprechen, ist kein Spanisch. Jaja, das wissen wir – das wird schon, irgendwie. Es muss ja.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen