Sonntag, 18. Februar 2018

Im Paradies sitzen

Vor dem eigentlichen Blogeintrag, hier noch der Link zu unserem Video der ersten zehn Wochen, zusammengefasst in 133 Sekunden:  https://m.youtube.com/watch?v=XLYTG3M0Z0k 

Wir verbrachten elf Tage in Bangkok, versuchten mit Müh und Not ein Visum zu ergattern, was uns schliesslich auch gelang und wollten sonst noch so einiges erledigt haben, bevor wir uns eine Auszeit gönnen. Das mag jetzt komisch klingen, wovon wollen die denn eine Auszeit? Ein paar Tage nichts planen, kein Visum beantragen, kein Spanisch lernen – die alte Sehnsucht des süssen Nichtstuns.

Nun sind wir auf Koh Lanta, einer Insel in der Nähe von Krabi, welches durch den Tsunami von 2004 berüchtigte Berühmtheit erlangte, angekommen. Es ist das Paradies auf Erden: Die muslimische Inselbevölkerung ist trotz vieler Touristen freundlich geblieben, das Essen ist hervorragend, das Meer azurblau und sogar die Touristen sind angenehm; eine Kombination, wie sie nur selten vorkommt. Bereits beim ersten Frühstück mit Blick auf den Horizont und einer leichten Meerbrise im Haar fragen wir uns, wie lange wir es hier aushalten werden. Doch das kriegen wir hin, das muss uns einfach gefallen, es ist genau das, was wir wollten. Dann schleicht sich eine typische Qual solcher Orte ein, wie auch ihr sie sicher kennt: Soll ich ein Video schneiden oder doch lieber liegen bleiben? Wollen wir heute eine Party feiern oder romantisch dem Meer entlang schreiten? Kuchen oder Mango zum Dessert? Zusammen oder alleine? Hör auf, was sind denn das für Probleme!

Jeder Tag im Paradies bedeutet, ein Tag näher am Ende dieser genussvollen Zeit. Nichts ist von Dauer, alles verändert sich, auch das wissen wir. Wie geht es weiter, was wartet auf uns in Indien, wo übernachten wir in Bangkok, was ist mit dieser unerklärlichen Swisscomrechnung, sollten wir nochmals wegen dem Visum für Ecuador schauen? In einen Alltag eingebunden sein, bedeutet auch wissen, was der morgige Tag bringt. Diese Struktur kann beklemmen, aber auch solche Fragen der Ungewissheit tilgen. Im Alltag ist Morgen gewiss, denn die ständige Veränderung ist durch die Kontinuität der wiederkehrenden Abläufe verschleiert. Dafür sehnt man sich nach Abwechslung, nach Sonne im Winter, nach Strand auf der Bergwanderung, nach einer Kokosnuss beim Raclette. So kriege ich eine Nachricht aus der Schweiz: „Iss du für mich eine frische Mango vom Baum.“ Gerne mach ich das, soeben erledigt. Sie war zwar nicht vom Baum, doch dafür umso süsser und hübsch hergerichtet zusammen mit farblich ergänzenden Früchten. Doch wer von uns geniesst jetzt? Gerne halten wir Dinge auf Fotos fest, um uns im Nachgang an eine schöne Zeit zu erinnern oder träumen von fernen Sandstränden, doch wie geniesst man Tag für Tag den Moment. Es fällt uns Menschen leicht, das Ende des Regenbogens zu erträumen: Wie wäre es wohl, inmitten all dieser Farben zu stehen; wie gross wohl die Kiste aus Gold, die dort begraben liegt? Dort angekommen, würde sich der gesamte Zauber auflösen. Denn vermutlich regnet es auch am Ende des Regenbogens und man müsste die Kiste voller Gold in Sicherheit bringen. Es hilft auch nichts, sich gut zu zureden oder gar anzupeitschen: Geniess jetzt, los…du bist am Ende des Regenbogens angelangt, du bist reich, mach schon. Das hier ist das Paradies. Warum geniesst du nicht? 

Die Antwort auf den geniesserischen Imperativ klingt simpel, braucht in der Umsetzung aber seine Zeit. Schalte den Befehl aus und auf einmal gniesst du von selbst. Versuche bloss nicht, jeden Augenblick zu geniessen, denn auch bei der süssesten Mango kriegst du klebrige Hände. So spazieren wir am Strand entlang und sehen auf einmal all die hübschen Muscheln. Jede hat ihre eigene Form, Farbe und Schönheit – eine kleine Muschelausstellung am Ende des Regenbogens entsteht. In dem Moment geniessen wir jeden Sonnenstrahl auf der Haut, jede Meerbrise im Haar.

Montag, 5. Februar 2018

Indian Visa Horror Story

Honkong, eine Stadt, eine Sonderverwaltungszone, eine Art Ort, wie wir ihn so noch nie gesehen haben. Schmutziger als jede Stadt in China, lauter, voller und vielleicht nicht mit einem grösseren Reichtum, aber einem offensichtlich zur Schau gestellten Reichtum. Natürlich gibt es hier auch unzählige bitterarme, obdachlose, verstossene und ausgegrenzte Menschen, welche unter der berühmtberüchtigten Schere zwischen Arm und Reich, welche sich hier von seiner hässlichsten Seite zeigt, besonders stark leiden. Die McDonalds sind voll von diesen Menschen, weshalb diese auch McRefugees genannt werden. Was man für Luxusgüter auf Strassen und in Shoppingcentern zu sehen kriegt, ist absolut dekadent. Die Strassen sind vollgestopft mit Teslas, Maseratis, Lexus und wenn’s schlecht läuft mit Porsches und BMWs. Um Gucci, Louis Vuitton oder Prada Utensilien zu kaufen, steht man vor den Geschäften Schlange und die Essenspreise sind an manchen Orten total überzogen. Zu sehen gibt es viel in Honkong; spannend ist es allemal und trotzdem freuen wir uns am Abreisetag nach Bangkok, der etwas weniger überlaufenen, zwar nicht minder schmutzigen aber etwas ungekünstelteren Grossstadt, zurückzukehren. 
In Bangkok angekommen, machen wir uns per Taxi auf den Weg zu unserem kleinen, gemütlichen Airbnb-Apartment im dreissigsten Stock, welches alles hat, was man sich wünschen kann: Schlaf- und Wohnzimmer, Küche, Bad, Balkon und die gratis Mitbenutzung des Pools und des Kraftraums gibt’s inklusive. Wir haben hier acht Nächte gebucht, da wir in Bangkok unseren Visaantrag für Indien stellen wollen und auf einen (hoffentlich) positiven Entscheid muss man bis zu sechs Arbeitstage warten. Bereits in China haben wir das obligatorische Onlineformular ausgefüllt und die Passkopien, Hotelreservationen, Hin- und Rückflugbestätigungen sowie die alten Indienvisen in unseren Pässen von superfreundlichen Mitarbeitern in einem Gamecenter ausdrucken lassen. Als Dankeschön brachten wir Ihnen Kuchen vorbei, da Sie für ihre Dienstleistung kein Geld entgegennehmen wollten.
Nach einer kurzen ersten Nacht in Bangkok machen wir uns am Donnerstagmorgen mit dem Skytrain auf den Weg zum Indian Visa Center, welches wir schon vor gut vier Jahren besuchten. Wir wissen, dass man in einem kleinen Laden gleich nebenan Passfotos anfertigen lassen kann, was wir vor Ort sogleich machen. Guten Mutes betreten wir mit einem Stapel Papier das Indian Visa Center, stehen an und händigen dem Herrn am Schalter unsere Dokumente inklusive Pass aus. In diesen wird kurz reingeschaut und ehe wir uns versehen, haben wir ihn auch schon wieder in den Händen. Der Herr fragt uns, ob wir in Thailand wohnhaft sind oder ein Einjahresvisum besitzen würden. Wir verneinen - wer besitzt schon ein Einjahresvisum?! Kurz und bündig erklärt er uns, dass seit den neuen Visabestimmungen nur noch Thailänder oder eben Ausländer, die hier wohnen, ein Indienvisum beantragen könnten und alle anderen dies in ihrem Heimatland erledigen müssten, sprich in der Schweiz. Oha, das sitzt.   

Nach einem kurzen Schockmoment raffen wir uns auf und versuchen das Unmögliche möglich zu machen. Per Taxi fahren wir zur Schweizerbotschaft, fragen dort um Rat, nur damit wir kurze Zeit später per Uber zur indischen Botschaft rasen. Leider ohne Erfolg. Die einzige Option, die uns bleibt, ist, ein elektronisches Zweimonatsvisum (e-Visa) zu beantragen, in Visak zu arbeiten, nach Nepal auszufliegen und ein neues e-Visa zu beantragen (weil unser Arbeitsvertrag drei Monate umfasst). Dies kostet nicht nur Unmengen an Nerven sondern auch eine Stange Geld, welche wir lieber anders investiert hätten. Am selben Tag noch kontrollieren wir ob Visak einer von 25 Flughäfen in Indien ist, über welchen man mit einem e-Visa einreisen darf und siehe da, er steht auf der Liste. Binnen zweier Tage sind wir im Besitz eines solchen elektronischen Visums. Die Freude ist jedoch nur von kurzer Dauer, da wir beim genauen Durchlesen feststellen, dass neu nur noch 24 anstelle von 25 Flughäfen als Einreiseorte angegeben sind; Visak ist nicht mehr drauf! Wir stehen nun also hier mit einem zu kurzen Zweimonatsvisum, einem Flug, den wir nicht antreten dürfen und drei zusätzlich zu buchenden Flügen. Verd*%&te Sc*»/°*e!

Montag, 22. Januar 2018

No Sightseeing, No Visitors

Seit unserem letzten Post sind wir per Bus, Zug und Fähre durch Hangzhou mit dem wunderbaren Westlake, Xiamen mit dem kuriosen Fischmarkt, Wuyishan mit dem Nationalpark und Quanzhou getingelt. Wir genossen jeweils prächtiges Wetter um die 20 Grad, was sich positiv auf Janinas Heilungsprozess auswirkte, welche nun wieder quietschfidel herumwuselt.
 
Obwohl Hangzhou wie Xiamen Millionenstädte sind, findet man dort zum einen den Westlake, welcher als UNESCO-Welterbe gelistet ist und die vor Xiamen liegende Insel Gulang Yu, die einem vergessen lassen, dass man sich in einer Grossstadt befindet. Bei den Sehenswürdigkeiten ist alles fussgängerfreundlich: Autos, Mofas und Fahrräder sind nicht erlaubt, was zu einer sehr entspannten und entschleunigenden Stimmung beiträgt. Diese Sehenswürdigkeiten sind in der Regel von chinesischen Touristen total überlaufen; nicht aber unter der Woche in der Nebensaison, also dann, wenn wir dort sind. Dasselbe Bild zeigt sich in der kleinen Stadt Wuyishan (200'000 Einwohner), in der Provinz Fujian. Auch das Wuyishangebirge zählt zum UNESCO-Welterbe, was dazu führt, dass die Region von Millionen von einheimischen Touristen besucht wird. Um diesen Massen ausweichen zu können, haben wir uns vorher im Internet schlau gemacht, denn vor Ort spricht niemand Englisch und alle Wanderkarten sind auf Chinesisch. Hier hilft einem auch die Übersetzungsapp nicht mehr weiter. Wir haben herausgefunden, dass die Touristenpfade im Nationalpark von den Menschenmassen total verstopft sind und man sich abseits dieser perfekt planierten "Strassen" bewegen soll. Nach dem Kauf eines Dreitagespasses wählen wir beim ersten Wegweiser mit der Auswahl "Mountain peak", "Toilet" und "No Sightseeing, No Visitors" letzteren richtungsweisenden Pfeil. Man läuft dann nicht mehr auf einer Planie mit all den anderen Touristen, sondern auf Wegen und Steintreppen, die gebraucht werden, um zu den Teefeldern zu gelangen. Was man dort sieht, verschlägt einem die Sprache. Man wandelt durch wunderbare Landschaften, Teeplantagen, die sich perfekt in die geschwungenen Hügel einfügen, sieht Palmen, Sträucher, Bäume, kleine Rinnsale, Flüsse, Klippen und hört keine Touristengruppen sondern Vogelgezwitscher.
Es stellt kein Problem dar, wenn man sich auf diesen Pfaden bewegt, vorausgesetzt man hat ein Navi dabei und trifft nicht auf ein Kloster mit einem daoistischen Mönch, der anscheinend etwas gegen Ausländer hat. Als wir uns überlegen, ob wir einen Fuss in den Vorhof des Tempels setzten wollen, springt der aufgebrachte Mönch um die Ecke, mit Irrsinn in den Augen und bewirft uns mit Steinen. Beim Umschauen nach neuem Wurfmaterial, machen wir ihm in breitem Berndeutsch verständlich, dass wir uns entfernen, was wir dann auch rasch tun.

Dies war und ist bisher jedoch das einzige negative Erlebnis, welches wir in den sechs Wochen in China erlebt haben, sind sonst doch alle immer überaus freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Sei dies, wenn wir mit unserer Übersetzungsapp Essen bestellen und die Bedienung mit einer Engelsgeduld danaben wartet oder jemand mit uns mitläuft, um den Weg zu weisen, Zugbilette für uns zu kaufen oder Unannehmlickheiten aus dem Weg zu räumen. Die Gastfreundschaft ist umwerfend und wir versinken jedesmal vor Scham im Boden, wenn Sie sich mit einem "please forgive me, no English" entschuldigen. Ich meine, wir sprechen ja auch kein Chinesisch.

Die Zeit geht rasend schnell vorbei und in zwei Tagen schon verlassen wir dieses faszinierende Land mit den wunderbaren Menschen, Landschaften und Essensgerichten Richtung Hongkong. Von dort geht es nach sechs Tagen weiter in unsere Lieblingsstadt Bangkok.

Sonntag, 7. Januar 2018

Feiern, frösteln, Feng Shui

Das Jahr 2017 endet heute und wir wollen ihm ein gebührendes Ende setzen, bevor wir zu neuen Abenteuern aufbrechen. Shanghai bietet viele Möglichkeiten und wir lassen uns von einem Freund, der hier lebt, erklären, dass in gewissen Bars sogar Haie zur Deko rumschwimmen. Zur High Society gehörten wir noch nie und Fische mit grossen Zähnen gefallen uns nicht besonders. Stattdessen entscheiden wir uns für The Mansion; einer in einem Wohngebiet stehenden Clubalternative, gegründet von einem chinesisch-holländischen Künstlerpaar. Rainbow und Tommy betreiben eine Villa, die Menschen mit und ohne künstlerische Fähigkeiten einen Lebensraum bietet (sie arbeiten dafür gratis an der Bar oder als DJs) und sich nachts für Feierfreudige in einen Club transformiert (weitere Infos: 
https://www.google.com/amp/s/shanghairebellion.wordpress.com/2015/06/30/interview-the-mansion-full/amp/)
Um diesen Ort zu erreichen, fahren wir mit der Metro ans Ende von Shanghai und versuchen mit Hilfe von Beschreibungen, viel Reiseerfahrung und Google die Geheimtür in der Mauer (ja, auch hier hat es eine Mauer) mit lila Licht zu finden. Obwohl wir zwei Minuten vor der eigentlichen Türöffnung die Villa erreichen, sind wir nicht alleine auf der Tanzfläche. Innerhalb einer Stunde füllt sich das ganze Haus mit unterschiedlichsten Undergroundgästen Shanghais: alte, junge, kreative, weisse, schwarze und aufällig viele LGBT-Personen. Wir fühlen uns hier pudelwohl. 2018 rückt in windeseile heran und tanzend rufen wir all diesen gutgelaunten Unbekannten Happy New Year entgegen! 

Ausgeschlafen starten wir mit einer Pizza ins neue Jahr, doch Janina fühlt sich auf einmal zunehmends schlechter und landet am selben Abend mit fiesem Fieber im Bett. Benj kümmert sich die nächsten Tage liebevoll um seine Frau und verbringt Stunden neben ihr liegend im Internet. Janina ist zu schwach um das fensterlose Hostelzimmer zu verlassen und liegt in Fieberträumen, was das Surfen im selben Bett zeitweilig anstrengend werden lässt. Reisen bedeutet eben auch, gemeinsam Dinge aushalten, pragmatische Lösungen finden und immer wieder Apotheken aufsuchen, die nur traditionelle chinesische Medizin verkaufen, in der Hoffnung irgendein festgepresstes Kraut würde helfen. Gefunden haben wir bisher keines, probiert jedoch viele. Nach einer Woche im Bett, unzähligen Hustanfällen, die sich kaum beruhigen lassen und schlafen im Sitzen, entscheiden wir im Dunkel der Nacht, anderntags zum Arzt zu gehen. Zum Glück findet Benj Singhealth, Ärzte aus Singapur die Englisch, Deutsch oder Französisch sprechen und nur ein paar Metrostationen entfernt sind. Die Behandlung ist nicht ganz billig (um die 100 SFr.), dafür ohne Wartezeit und äusserst kompetent. Wie immer will der Arzt, dass Janina sofort Antibiotika schluckt, weil ihr sonst eine Bronchitis droht, aber das warten wir erstmal ab, dafür gibt’s rezeptpflichtigen Hustensirup mit Codein (!), ganz frei von chinesischen Kräutern. Wir hoffen, das bisschen Drogen reicht, um dem Husten den Garaus zu machen…

…derweil entspannen wir uns in den Gärten von Suzhou, die zum Weltkulturerbe zählen. Chinesische Gärten sind weltweit bekannt, doch die authentischen besucht, haben vermutlich nur wenige. Wir bis dato sicher nicht. Diese Gärten wurden nach der Wind-und-Wasser-Lehre, besser bekannt als Feng Shui, konstruiert und sollen das Chi, die positive Energie, frei strömen lassen. Soweit so gut. Wir wussten nicht, wie uns geschieht, als wir den grössten Garten dieser Art in Suzhou betreten. Obwohl der Garten im Winter vermutlich nicht seine volle Wirkkraft entfalten kann, fühlen wir uns im Nu ruhiger und passten unser Schritttempo der Umgebung an. Die Bonsais tun den Rest: Alleine die Betrachtung dieser Jahrhunderte alten Baumzwerge ist eine Form der Meditation und lässt das Herz langsamer schlagen.