Sonntag, 7. Januar 2018

Feiern, frösteln, Feng Shui

Das Jahr 2017 endet heute und wir wollen ihm ein gebührendes Ende setzen, bevor wir zu neuen Abenteuern aufbrechen. Shanghai bietet viele Möglichkeiten und wir lassen uns von einem Freund, der hier lebt, erklären, dass in gewissen Bars sogar Haie zur Deko rumschwimmen. Zur High Society gehörten wir noch nie und Fische mit grossen Zähnen gefallen uns nicht besonders. Stattdessen entscheiden wir uns für The Mansion; einer in einem Wohngebiet stehenden Clubalternative, gegründet von einem chinesisch-holländischen Künstlerpaar. Rainbow und Tommy betreiben eine Villa, die Menschen mit und ohne künstlerische Fähigkeiten einen Lebensraum bietet (sie arbeiten dafür gratis an der Bar oder als DJs) und sich nachts für Feierfreudige in einen Club transformiert (weitere Infos: 
https://www.google.com/amp/s/shanghairebellion.wordpress.com/2015/06/30/interview-the-mansion-full/amp/)
Um diesen Ort zu erreichen, fahren wir mit der Metro ans Ende von Shanghai und versuchen mit Hilfe von Beschreibungen, viel Reiseerfahrung und Google die Geheimtür in der Mauer (ja, auch hier hat es eine Mauer) mit lila Licht zu finden. Obwohl wir zwei Minuten vor der eigentlichen Türöffnung die Villa erreichen, sind wir nicht alleine auf der Tanzfläche. Innerhalb einer Stunde füllt sich das ganze Haus mit unterschiedlichsten Undergroundgästen Shanghais: alte, junge, kreative, weisse, schwarze und aufällig viele LGBT-Personen. Wir fühlen uns hier pudelwohl. 2018 rückt in windeseile heran und tanzend rufen wir all diesen gutgelaunten Unbekannten Happy New Year entgegen! 

Ausgeschlafen starten wir mit einer Pizza ins neue Jahr, doch Janina fühlt sich auf einmal zunehmends schlechter und landet am selben Abend mit fiesem Fieber im Bett. Benj kümmert sich die nächsten Tage liebevoll um seine Frau und verbringt Stunden neben ihr liegend im Internet. Janina ist zu schwach um das fensterlose Hostelzimmer zu verlassen und liegt in Fieberträumen, was das Surfen im selben Bett zeitweilig anstrengend werden lässt. Reisen bedeutet eben auch, gemeinsam Dinge aushalten, pragmatische Lösungen finden und immer wieder Apotheken aufsuchen, die nur traditionelle chinesische Medizin verkaufen, in der Hoffnung irgendein festgepresstes Kraut würde helfen. Gefunden haben wir bisher keines, probiert jedoch viele. Nach einer Woche im Bett, unzähligen Hustanfällen, die sich kaum beruhigen lassen und schlafen im Sitzen, entscheiden wir im Dunkel der Nacht, anderntags zum Arzt zu gehen. Zum Glück findet Benj Singhealth, Ärzte aus Singapur die Englisch, Deutsch oder Französisch sprechen und nur ein paar Metrostationen entfernt sind. Die Behandlung ist nicht ganz billig (um die 100 SFr.), dafür ohne Wartezeit und äusserst kompetent. Wie immer will der Arzt, dass Janina sofort Antibiotika schluckt, weil ihr sonst eine Bronchitis droht, aber das warten wir erstmal ab, dafür gibt’s rezeptpflichtigen Hustensirup mit Codein (!), ganz frei von chinesischen Kräutern. Wir hoffen, das bisschen Drogen reicht, um dem Husten den Garaus zu machen…

…derweil entspannen wir uns in den Gärten von Suzhou, die zum Weltkulturerbe zählen. Chinesische Gärten sind weltweit bekannt, doch die authentischen besucht, haben vermutlich nur wenige. Wir bis dato sicher nicht. Diese Gärten wurden nach der Wind-und-Wasser-Lehre, besser bekannt als Feng Shui, konstruiert und sollen das Chi, die positive Energie, frei strömen lassen. Soweit so gut. Wir wussten nicht, wie uns geschieht, als wir den grössten Garten dieser Art in Suzhou betreten. Obwohl der Garten im Winter vermutlich nicht seine volle Wirkkraft entfalten kann, fühlen wir uns im Nu ruhiger und passten unser Schritttempo der Umgebung an. Die Bonsais tun den Rest: Alleine die Betrachtung dieser Jahrhunderte alten Baumzwerge ist eine Form der Meditation und lässt das Herz langsamer schlagen.







Montag, 25. Dezember 2017

Tanzende Herzen

Seit knapp zwei Wochen reisen wir in äusserst gemächlichem Tempo durch China, lassen uns Zeit anzukommen, nachzuschlafen, interessante Dinge zu besichtigen und die unendlichen Variationen an chinesischem Essen zu degustieren. Unser Geist ist nachgereist, hat uns gefunden und lässt unser Herz ab dem Gesehenen immer wieder tanzen und frohlocken. Wenn es nicht tanzt, schlägt es mal ruhig, mal nachdenkend, mal traurig, um dann wieder zum Tanzen zurückzukehren. Wir reisen langsamer als auf unserer Weltreise, schauen uns aber auch mehr Sehenswürdigkeiten an als damals. Dies liegt unter anderem daran, dass die Sehenswürdigkeiten äusserst spannend und aufgrund der Nebensaison sehr preiswert sind. Konzipiert sind sie für den Ansturm von tausenden Besuchern täglich (wir waren noch nie mehr als 30 Personen), was sich unschwer an den riesigen Parkplätzen und übertrieben breiten Strassen erkennen lässt. 

Wir haben in Peking die verbotene Stadt und den Olympiapark besucht, den geschichtsträchtigen Tian’amen Platz überquert, eine Nacht in einem Club durchgetanzt und neben ganz viel anderem Essen eine Pekingente verschlungen. In Datong erkundeten wir die Altstadt, die Yungang-Grotten, fuhren zu einem nicht touristischen Ort, um die chinesische Mauer zu erklimmen und anderntags den hängenden Tempel zu bestaunen. Im Moment sind wir für vier Nächte in Pingyao, obwohl uns jeder sagte, dass dies zu lang sei und schlendern durch die faszinierende Altstadt mit den unzähligen Museen. Unsere nächsten Stationen sind Xi’an und Shanghai, wo wir Silvester feiern werden.







Bisher ist uns das Reisen durch China trotz Sprachbarriere sehr leicht gefallen. Dies liegt daran, dass die von uns angetroffenen Chinesen, obwohl fast alle kein Wort, also wirklich kein Wort, Englisch sprechen, äusserst nett und hilfsbereit sind. In chinesischen Schriftzeichen verfasste Strassennamen halten wir Ihnen unter die Nase und sie zeigen uns akkurat den Weg, Menükarten übersetzen wir, so gut es geht, mit einer App, um dann auf Englisch in die App der Angestellten zu sprechen, welche wiederum das Ganze auf Chinesisch übersetzt. Alle Angestellten, sei es in Hostels, Restaurants oder Apotheken, scheinen eine Chinesisch-Englische Übersetzungsapp zu haben, welche gut funktioniert und nur zwischendurch unsinnige Sätze ausspuckt.  
Wenn wir schon beim Spucken sind, sei gesagt, dass wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben und Zwecks Integration mitmachen. Sich die Nase in der Öffentlichkeit zu putzen geht aber dann gar nicht, was Benj mit einem vernichtenden Blick zu verstehen gegeben wurde. Anscheinend ist Nasenschnäuzen so unanständig, dass man sich dafür auf die Toilette zurückziehen muss. 
Wir werden weitertingeln, suchen, erfahren, geniessen und schauen, welche Idee uns als nächstes aus dem Kopfe spriessen. 


Freitag, 15. Dezember 2017

Von Monti zu Mao

Gregi mit VW-Bus sei Dank können wir uns am Ende der Arbeitszeit im Circus Monti und nach erfolgreicher Abgabe unseres Wohnwagens Nummer achtzehn auf den Weg zurück in die Hauptstadt machen. Endlich. Den Zirkusrhythmus noch im Blut begeben wir uns auf eine Abschiedstournee in unserem Heimkanton. Um viele Erfahrungen reicher, mit Augenringen langen Nächte wegen und müden Gliedern vom Putzen kehren wir zurück, nicht um uns zu erholen, sondern um unsere Gesichter noch mehr zeichnen zu lassen. Ein wunderbarer Abend hier, ein Glas Wein da und immer wieder ein Tschüss und eine Träne. 

Müde begeben wir uns nach einer Woche Abschiednehmen auf die Reise nach Peking – alles klappt wie am Schnürchen, ohne Verspätungen oder Zwischenfälle. Fast zu schnell erreichen wir das Land der aufgehenden Sonne und erwachen im Happy Dragon Hostel, gefühlt ohne unser Zutun. Wie im Reiseführer beschrieben ist der Himmel strahlend blau, die Luft glasklar und der Wind eisig kalt. Die Chinesen sprechen kein Englisch, sind dafür umso bemühter mit uns via Übersetzungsapps zu kommunizieren. Die Speisekarten geben alles her, was man an einem Tier ausweiden kann und an gemütlichen, in übertriebene Weihnachtsdeko gehüllte Cafés mit ebensolcher Musik fehlt es auch nicht. Allen Annehmlichkeiten zum Trotz sind wir nicht ganz angekommen auf unserer Reise. Wieder verantwortlich für unser eigenes Glück, ohne zu verschmähenden Chef und strikten Tagesablauf, die man beklagen kann, sollten wir uns ab der Schönheit Pekings erfreuen. Die untergehende Sonne über der verbotenen Stadt, die Schweinefüsse, die zum Trocknen über den Fahrrädern aufgehängt werden, Maos Fahnen, die auf dem Tiananmen Platz in Reih und Glied wehen und die chinesischen Laternen bei Nacht sind Zeugen dieser Schönheit. Unsere Augen erblicken diese Objekte, aber unser Herz kann dazu noch nicht tanzen. Wir suchen nach Erklärungen: Der Tag-Nacht-Rhythmus ist noch durcheinander, uns fehlte im Vorfeld die Vorbereitungszeit oder der Wechsel von Monti zu Mao ist zu krass. 








Die Zeit wird zeigen, ob unsere Erklärungen greifen oder ob wir an unseren Reiseplänen noch feilen müssen. Eines steht fest, unser Körper ist in China und findet sich wunderbar zurecht; unser Geist jedoch hängt irgendwo zwischen Monti, Abschiedstränen und einem Terminal fest. 

Samstag, 18. November 2017

Drangeblieben, an unserem Glück zu schmieden










Nur noch ein paar Wochen, dann wird bei uns schon alles abgebrochen. Umgekrempelt, neu aufgegleist zusammengepackt und abgereist. So schaut’s aus, so wird’s kommen. Die Schweiz verlassen wir in ein paar Wochen, auf unbestimmt, und mit Elan, obwohl wir viel zurücklassen. Gutes, Schlechtes, Aufregendes und Bewegendes.

Die Zeit im Zirkus ging rasend schnell vorbei. Viel haben wir gesehen, erlebt, geschafft, gemacht, gelacht, besprochen und damit gebrochen; getan, gefahren, getanzt, Sachen beim Namen genannt und uns dabei die Mäuler verbrannt. Wenig haben wir geschlafen, geschwiegen und Sachen gemieden. Wir sind weiterhin drangeblieben, an unserem Glück zu schmieden. Ob Weltreise, Monti oder beim Unterrichten überall lauern ähnliche Geschichten. Geschichten von Menschen. Sie spielen jedoch an anderen Orten, nicht der gleichen Sorten, lassen sich nicht einfach einordnen und in Schubladen versorgen. Alles kommt in neuen Gewändern, funkelnd und verzaubernd. Oft erfrischend anders, bereichernd und befreiend manchmal aber auch streng, traurig und leiernd.

Missen möchten wir jedoch nichts davon, egal was war, ist und in welcher Form. Wie auf der Weltreise jagen wir das Glück, suchen Schönheit und Intensität fernab von jeglicher Banalität. Glück kann man jagen aber nicht festhalten, schöne Momente hatten wir zuhauf und Intensität ist hier wahrlich auch keine Rarität.

Den Überblick zu bewahren ist die Devise. Wir leben mitten in den Grossstädten der Schweiz und doch sind wir hier im Zirkusmikrokosmos der Gesellschaft fern, ob Basel, Zürich oder Bern. Schön sind die vielen Besuche von Familie und Freunden; dies verbindet unsere kleine Montiwelt mit da draussen. Es lässt uns teilhaben, an den erzählten Geschichten laben, was läuft, wer läuft und wohin es geht, wer steht und nicht mehr laufen mag oder wer verzagt, dann aufsteht und weitergeht.

Es scheint nicht verkehrt diesen Weg zugehen, nicht wegzusehen, ihn in Angriff zu nehmen, zu entdecken und nichts zu verstecken. Wir sind dankbar für diese lernreiche Zeit und sind bereit, weiterzureisen, und neue Dinge zu sehen, mit neuen Kulturen zu verkehren, um dann sicherlich zu unseren lieben Menschen in der Schweiz zurückzukehren.