The American Way of Life (13.5.14-20.5.14)

"Oh ja, ich möchte unbedingt mal nach Asien, alleine schon wegen der Kultur!" Dieser Satz meint jeder zu verstehen, obwohl keiner so recht weiss, was dies für die Ferien tatsächlich bedeutet - stundenlange Tempelbesichtigungen bei schwüler Hitze und angeekeltes Rumkauen auf Hühnerfüssen, weil man ja alles probieren möchte.
Man ersetze Asien durch Amerika und keiner scheint zu verstehen, was man sagt. Obwohl es die Amis selbst nicht zu wissen scheinen, auch sie haben Kultur, denn wo es Leute (mit Freizeit und Schöpfungsgeist) hat, ensteht sie und an Bevölkerungsreichtum mangelt es ihnen nicht.

Vor einer guten Woche gaben wir Norbi an Cruise America zurück - er war traurig und wir auch, doch Reisen heisst Abschied nehmen. Nun hatten wir eine Woche Zeit uns zu erholen, um dann voller Energie Las Vegas aufzusaugen und uns auslaugen zu lassen. Wir reisen mit dem Zug nach Pasadena, einer kleinen (Vor)stadt von L.A., in der uns Greg Moon, den wir auf dem Trekking in Chiang Mai (Thailand) kennengelernt haben, schon erwartet. Was wir nicht wissen, er freut sich riesig auf unseren Besuch und streicht in vollem Enthusiasmus seine Wohnung neu, lässt die Eismaschine herrichten, kauft ein aufblasbares Bett, räumt ein ganzes Zimmer nur für uns leer und füllt den Kühlschrank. Wenn man mit so offenen Armen empfangen wird, bleibt man gerne länger als geplant und so verbringen wir die sieben Tage bis zum Abflug mit Mr. Moon. Dies ist unsere Gelegenheit The American Way of Life am eigenen Körper zu erleben: In-n-Out Burgers, Disneyland, Hollywood, BBQ, Dosengetränke, Monsterfernseher, Staatsfurcht und ultimativer Zivilgehorsam.



Als wir den ersten Vormittag alleine in Gregs durchschnittlichem Amizuhause verbringen, entdecken wir die ersten Anzeichen amerikanischer Kultur: Türen werden nicht verriegelt, dafür Kameras installiert; der Fernseher ist riesig, doch dahinter verbirgt sich schon lange kein ordinäres Fernsehprogramm mehr, sondern Apple TV; es wird gesund eingekauft und anschliessen auswärts Burger konsumiert; jeder ist bewaffnet, denn wer will das Gewaltmonopol beim Staat wissen?! Letztere Tatsache hat mich zum Nachdenken gebracht, denn seit Hobbes Leviathan und der Idee, dass sich die Menschen gegenseitig auffressen, wenn man sie nicht davon abhält, glauben Europäer, mehr oder weniger geschlossen, an das Ideal des Staates mit Gewaltmonopol. Selbstjustiz scheint etwas für frustrierte Nazis oder religiöse Fanatiker zu sein, aber nicht für den Bünzli, dessen Nachbar eine zu grosse Hecke hat. Greg zumindest sieht das anders und meint, wenn er alle Waffen der Welt zum Mond schiessen könnte, würde er es tun, denn dann seien alle gleich und die Ausgangssituation fair. Wüsste ich, dass sich die Menschen nur mit Waffen verletzen, hätte das Gedankenexperiment vielleicht etwas Verlockendes, ansonsten bleibe ich Europäerin und vertraue auf das Gute im menschlichen Kollektiv - oder auch nicht, wenn man die schweizersiche Mindestlohngeschichte bedenkt.

Greg regt nicht nur zu philosophischen Gedanken an oder zeigt uns Pasadena mit der kalifornischen Burgerkette In-n-Out, in der nur drei offizielle und unzählige Geheimmenus gibt, die man als unwissender Touri im Internet ergoogeln muss. Nein, er erinnert sich auch an sein Versprechen mitten im Dschungel von Chiang Mai: "Oh you haven't been to the original Disneyland?! I'll take you there some day!" Natürlich reicht es nicht, ganze 100$ pro Ticket für den einen Park zu bezahlen, wir müssen unbedingt das Park-Hopper-Ticket für 40$ zusätzlich kaufen, wenn wir schon hier sind. Als Budgettouristen und schweizerDEUTSCHE Sparfüchse bleibt uns die Spucke im Hals kleben. Doch Greg würde unsere Vorbehalte nicht verstehen, so schliessen wir die Augen, strecken 280$ hin, nehmen das Ticket entgegen und versuchen nicht mehr daran zu denken. Die Illusion, die wir für dafür zu sehen kriegen ist einmalig, denn keiner kann so gut faken (dieser Anglizismus musste sein) wie die Amerikaner. Auf einmal sind Minnie und Mickey ein Teil unserer Welt, wir mögen kitschig-pinkige Hausanstriche und glauben das Böse, Ecklige der Welt verdrängen zu können; hier gibt es sogar Hollywood in glamourös und sehenswert - ganz anderes als in echt (siehe letzten Post).








Leider wenig erholt, aber glücklich müssen wir uns nach einer amerikanischen Kulturwoche von Greg Moon verabschieden. Egal ob uns die Weiterreise nach Las Vegas oder sonst ein Schlaraffenland führt, an die Abschiede werden wir uns wohl nie gewöhnen...

Thank you so much Greg for everything! See you in Switzerland...

Kommentare

  1. Einfach schön, dass ihr euch auf all dies einlasst- und da ich von all dem noch nichts gesehen habe, sind für mich diese Bilder und eure Berichte stets Highlights im Alltag :-) DANKE immer wieder..
    JUHUI, BIS SCHON BALD!!!
    MaRu

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  2. Danke für die Fotos und die Berichte!
    Gruss Klausi

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  3. Liebe Janina, lieber Benjamin

    Seit unserem letzten Kommentar habt ihr wieder viel Spannendes, Buntes, Abenteuerliches..... erlebt und herzliche Gastfreundschaft erfahren dürfen! Wie immer sind wir euch von Herzen dankbar, dass wir dank eurem Blog ein Stück weit an eurer Reise teilhaben können!
    Raffael Wüthrich haben wir sehr gerne unsere Stimme gegeben. Er wäre wirklich ein ganz toller Bundesrat. Seine Statements haben uns sehr überzeugt!
    Ganz herzlich danken wir euch auch für eure Karte aus Kalifornien! Wir haben uns sehr über eure persönlichen Grüsse gefreut!! :-)
    Für den Rest eurer Weltreise wünschen wir euch von ganzem Herzen alles Gute und noch viele unvergessliche Highlights!
    Bleibt gesund und froh! :-)

    Herzliche Grüsse

    Regula und Martin

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