Hinter den Bergen hausen die Hippies (12.3.14-17.3.14)

Leute die Sonne tanken, Mutige in kurzen Hosen und zarte Blüten entlang der Häuserfassaden lassen auf den kanadischen Frühling schliessen. Aus Sydney kommend fühlt es sich jedoch eher wie die Vorweihnachtszeit an; der heisse Apfelsaft mit Zimtduft steht zu meiner Linken und das Kaminfeuer lodert zur Rechten.
Kürzlich haben wir eine Mail gekriegt mit der Festellung, wir seien ja auf einer richtigen Weltreise, was auf den ersten Blick trivial sein mag. Überlegt man aber was mit dem Sprichwort "es war eine halbe Weltreise" impliziert wird, nicht das Rumreisen in der Welt, sondern, die Anstrengung und das Herumhüpfen in der Tageszeit bis über die Datumsgrenze hinweg, inklusive dem anachronistischen Erleben der Jahreszeiten, dann erleben wir hautnah alle Facetten einer Weltreise. 

Momentan führt uns die Reise mit Pixie, vermutlich Bobbys Tochter, die nicht nur auf der Überholspur fahren kann, sondern auch über eine Heckkamera verfügt und nicht bei jeder Strassenunebenheit auseinanderzufallen droht, entlang der kanadisch-amerikanischen Grenze durch Rebhänge und über verschneite Pässe. Wüssten wir es nicht besser, würden wir vermuten in den falschen Flieger gestiegen und irrtümlicherweise im Berner Oberland gelandet zu sein. 





Dies täte auch erklären warum es im ersten ausgestorbenen Touridorf, indem wir übernachten, eine grosse Märklin Modelleisenbahn mit schweizer Berglandschaft und SBB-Zügen hat. Die Besitzer sind jedoch dänischer Nationalität und wir befinden uns in Osoyoos, einem beliebten Sommerurlaubsort für Kanadier mit entsprechender Infrastruktur, die in den kälteren Jahreszeiten überdimensioniert wirkt. Weil momentan ausser uns niemand hier Urlaub macht, erhalten wir im Motel ein Upgrade und beziehen die Suite mit Seeblick. Wir können uns die Modelleisenbahn mit 17'000 handbemalenen Figürchen und zwei Kilometer verlegten Schienen nicht entgehen lassen; Kindheitserinnerungen werden unverzüglich geweckt und süsses Heimweh kommt auf. Erst beim Besuch stellen wir fest, wie schweizerisch oder im Minimum deutschsprachig es ist, als Kind mit einer Modelleisenbahn gespielt zu haben. 






Von Osoyoos fahren wir über den nächsten Pass weiter nach Nelson einem ähnlich unscheinbaren Städtchen, das sich auf den ersten Blick nicht von anderen kanadischen Ortschaften unterscheidet. Bereits beim ersten Spaziergang durch die Baker Street fühlen wir uns nach Indien zurückversetzt: Hippiekleider, Yogamatten, Filzhaare, Leute die über die Strassen schweben und vegetarisches Essen an jeder Ecke. Was ist denn hier los? Nach Angaben der Kellnerin im Bio-Kaffeeladen zieht die Stadt Leute aus ganz Kanada an, die das Biovegiyogaleben lieben. Dementsprechend gutes Essen gibts nicht nur in den veganen/glutenfreien Schuppen, sondern sogar der Chinese kocht mit weniger Fett und mehr Gemüse. Die kleinen Läden an der Hauptstrasse sind mit viel Liebe zum Detail eingerichtet und verkaufen eher schöne als nützliche Dinge. Im Sommer pilgern 10'000 Besucher für das Shambhala Musikfestival in die Stadt, welche dann zu einer riesigen Hippiekommune anwächst.
Heute feiert nicht nur Irland St. Paddy's Day, sondern auch alle ausgewanderten Irländer, auch jene der dritten oder vierten Generation und jene die gerne als Kleeblatt verkleidet grüngefärbtes Bier trinken; einfach alle, denen eine Ausrede für einen feuchtfröhlichen Abend im Shamrockoutfit unter der Woche gerade recht kommt. Grüne Accessoirs in Form eines Zylinders und eines mit Kleeblättern gemusterten Schals haben wir schon und um die Ecke steht Finley's Irish Bar mit Liveband, die sich so irisch gibt, wie es Kanadier halt können. Ausser der molligen Wärme im Dancing Bear Inn und der Abneigung gegen Bier hält uns nichts mehr... 

Kommentare

  1. Der Beweis: Benj liebt veganes, glutenfreies Essen :-)
    Danke für eure Fotos (oh, ja, die Märklin Eisenbahn) und den Bericht. Es ist wirklich ein Genuss, eure Berichte zu lesen!! Und wenn bei euch ab und zu süsses Heimweh aufkommt, macht das grad gar nichts; denn das haben wir schon lange!!!!!

    Weiterhin viel Liebes und Schönes!

    MaRu

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