Im Gewusel Mumbais (30.10.13-2.11.13)

Gefühlt um 2 Uhr in der Früh (aus Bangkok kommend hat unsere innere Uhr noch nicht umgestellt) stehen wir zum ersten Mal auf indischem Boden und versuchen so schnell wie möglich unser Hotel zu finden. Was wider erwarten unheimlich reibungslos klappt und wir können uns um halb zwei in einer Platzsparvariante eines Zimmers schlafen legen.

Wir planen, wie die meisten Indienreisenden, nicht allzu lange in der heissen, feuchten, lauten und überfüllten Stadt Mumbai zu verweilen. Nur so viel vorweg: Momentan sitzen wir im schönsten Starbucks der Welt mitten in Mumbai und reisen auch morgen nicht ab...

Am zweiten Tag stehen der Besuch des Dharavistadtviertels, besser bekannt aus dem Film Slumdog Millionair als der Slum Mumbais, und die Dabawallahs, eines der laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes 100%-ig funktionierenden Unternehmen Mumbais. Letzteres sind eine bestimmte Gruppe von Männern, aus dem Vorort von Pune (Stadt in der Nähe Mumbais) stammend, die sich auf das Ausliefern von selbstgekochtem Essen aus ca. 200'000 Vorortsküchen nach Downtown Mumbai direkt an den Bürotisch des hungrigen Ehemannes spezialisiert haben. Wir brachten uns kurz vor Mittag am Churchgate Endbahnhof im Zentrum Mumbais in Position, um die Umverteilung von Kopf Dabawallah 1 nach Kopf Dabawallah 2 zu bestaunen. Dies ist das Ende einer langen Kette des Weiterreichens, bei dem die Analphabeten mit Hilfe eines ausgeklügelten Farbsymbolsystem sicherstellen, dass lediglich eine (!) aus 6 Millionen Portionen verloren geht. 


Nachmittags steht Dharavi auf dem Programm und wir begeben uns etwas nervös in den ersten Localtrain (automatischen schiessen einen die Bilder von völlig überfüllten Zügen durch den Kopf) an den Treffpunkt. Unterwegs lernen wir: Die Züge sind nicht zu jeder Zeit und in jede Richtung überfüllt. Der Differenzierungsprozess beginnt...
Sogleich geht's komplexitätserhöhend weiter: Nicht jeder Slum ist ein einziger Müllhaufen mit zugedröhnten Menschen, Kinderhandel und omnipräsenter Gewalt. Das Einzige was diesen Slum noch zu einem Slum macht, sind vermutlich seine Entstehungsgeschichte aus temporären Behausungen und die Tatsache, dass die Bewohner nicht die Besitzer, sondern die Besetzer ihres Grundstücks sind. Ansonsten nehmen wir Dharavi als sehr armes Stadtviertel Mumbais wahr, dass alles hat, was andere Gegenden haben und noch ein bisschen mehr: Moschee, Tempel, Schulen, Supermarkt, Werkstätten, viel Müll und Recyclestätten von toxischen Produkten. Hier werden Plastik, Alluminium und andere Dinge die wir in der sauberen Schweiz lieber nicht einschmelzen von Hand ohne Schutzbekleidung gewaschen, zerkleinert und in neue Formen gegossen, damit sie als Rohmaterial an die Fabriken in ganz Indien und zum Teil sogar nach China verkauft werden können. Die 15'000 Betriebe Dharavis erwirtschaften jährlich mehr als eine Milliarde US Dollar. Leider wird der Slum an sich dadurch nicht reicher, denn die Arbeiter werden minimal mit 200 Rs (4$) pro Tag entlöhnt und sterben dafür jung an Krebs.

Abends treffen wir Viral und Sonya, die Janina mal im Zug zwischen Interlaken und Spiez angesprochen hat, zum plaudern auf dem Marine Drive, dem "gemütlichsten" Ort in Mumbai. Man setzt sich auf ein Stück Mauer am Ufer des Arabischen Meeres und blickt auf die Schnellstasse, die um Mumbai führt. Wir erfahren im Gespräch mit den beiden in Mumbai gebürtigen Jainas (eine religiöse Minderheit in Indien) interessante Details zu ihrer Sichtweise der Schweiz: "We didn't encounter any people in the streets in Switzerland because the streets were empty." "We only tried Swiss food once (es war eine Pizza) and it had no taste, the food is like naked." "Switzerland is like heaven, it really is. Why then do you come to India?" 
Der Abend war leider zu schnell vorbei und zum Abschluss wurden wir noch reich mit Schokolade beschenkt. Völlig überwältigt von dieser Begegnung und der Tatsache, dass Divali (eines der grösseren Feste in Indien) in Mumbai zu erleben wohl toll sein muss, entscheiden wir uns noch in derselben Nacht, nicht abzureisen.  





Kommentare

  1. Ihr lieben Beide
    Danke, danke, danke einmal mehr für die Bilder und Berichte. Wie ihr diese Eindrücke alle aufnehmt, wahrnehmt beeindruckt mich sehr und wie ihr euch auf das Neue einlasst und "Urteile von anderen Indienreisenden" abbaut, das seid halt einfach ihr zwei!!

    Viel, viel Liebes und heit Sorg

    MaRu

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  2. P.S. ...und oh, diese Farben...Megaschön

    Ganz liebe Grüsse von einem verregneten, gemütlichen Sonntag in Wilderswil

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